Wir fahren mit gemischten Gefühlen nach Moskau.

Kurz bevor Christian und ich in den Flieger nach Moskau steigen, wenige Tage vor dem Beginn der Fußball-WM in Russland, sitze ich in Berlin mit gemischten Gefühlen.

Ich spiele für mein Leben gern Fußball, ich bin Fan unserer Nationalmannschaft, ich habe im Sommer 2006 einige meiner glücklichsten Tage rund um die WM in Berlin verbracht, dazu bin ich persönlich und familiär mit Russland verbunden.

Eigentlich müsste ich mich freuen, dass diese beiden Dinge nun zusammenkommen! Ich würde gerne mit meinen russischen Freunden und Verwandten Bier und Wodka trinken, sorgenlos Fußball schauen, mit ihnen trauern nach dem (zu erwartenden) Ausscheiden der russischen Sbornaja, und mit ihnen feiern nach dem (erhofften) fünften WM-Titel Deutschlands. Und glaubt mir – feiern können die Russen.

Aber es liegt ein Schatten über dieser WM. Es ist für mich nicht der Schatten schlechter Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen, das Lamentieren darüber, dass man das viele Geld für die Stadien doch besser den Rentnern hätte geben sollen (wäre eh nicht passiert), es ist auch nicht die angebliche Korruption bei der Entscheidung für den Austragungsort Russland – das alles sind bekannte Probleme der FIFA und es gab sie schon bei früheren Weltmeisterschaften. Und in Russland gibt es im Vergleich zu Südafrika und Brasilien keine Favelas respektive Townships.

Nein, es ist der lange Schatten des Jahres 2014.

Ein Gespräch spukt in meinem Kopf herum. Geführt habe ich es vor kurzem für den russischsprachigen Sender “OstWest”, bei dem ich seit zwei Jahren moderiere. Meine russische Kollegin Marfa und ich saßen vor dem Computer in Berlin, auf dem Bildschirm sahen wir ein älteres Ehepaar vor einem abendlich beleuchteten Wohnzimmer in Australien. Es waren John und Meryn, Eltern von Jack O’Brien, einem 25-Jährigen, der im heißen Sommer 2014 in jener verfluchten Boeing der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur saß und sein zu kurzes Leben auf einem Feld in der Nähe von Donezk aushauchte. John O’Brien erklärte mir, dass sein Sohn so wie er leidenschaftlicher Fußballfan gewesen war. Er wünschte Russland sogar ein wundervolles Fußballfest, aber an einem kam er nicht vorbei: “Diejenigen Politiker, die auf den Rängen stehen und die WM eröffnen, werden dieselben sein, welche die Verantwortung für den Tod unseres Sohnes tragen. Wie sollen wir damit klarkommen?”

Es gibt so vieles, was sich nicht einfach ausblenden lässt. Moritz Gathmann

Wie sollen wir damit klarkommen? Diese Frage muss sich jeder stellen, der nach Russland fährt. Politik und Sport sind auf’s Engste verbunden, wer anderes behauptet, ist naiv. Gleichzeitig muss man differenzieren: Die WM in Russland ist politisch umstritten, aber die Situation ist eine andere als etwa 1978 in Argentinien. Dort wurden in den Jahren vor der WM von der Militärjunta an die 30.000 Oppositionelle ermordet oder zu Tode gefoltert. Russland ist ein autoritärer Staat, Morde an Regimegegnern kommen leider vor, sie gehören aber nicht zum Alltag.

Und doch gibt es so vieles, was sich nicht einfach ausblenden lässt. Und das ist größtenteils verbunden mit dem Jahr 2014. Damals annektierte Russland als Antwort auf die Maidan-Revolution in der Ukraine die Krim und begann, im Donbass die Separatisten zu unterstützen. Und deshalb sitze ich an diesem sonnigen Tag im Juni vor einem Computer in Berlin und unterhalte mich mit australischen Eltern, die ihren Sohn im Osten der Ukraine verloren haben.

Und gerade an dem Tag, als wir online gehen wollen mit unserem Blogprojekt, kommt die Nachricht von der Ermordung des russischen Journalisten Arkadij Babtschenko in Kiew. Ich gehöre nicht zu denen, die sofort rufen: Da schau, so lässt der Putin seine Kritiker ermorden! Gut so – am nächsten Tag stellt sich heraus, dass Babtschenko am Leben ist und der ukrainische Geheimdienst angeblich einen tatsächlichen Killer gefasst hat, der auf russische Oppositionelle in dem Land angesetzt war. Weiß der Henker, ob das stimmt. Seit 2014 ist alles möglich.

Ein tiefer Graben

Die Figur Babtschenko ist Ausdruck jenes Grabens, der in Russland selbst seit 2014 so tief geworden ist, dass auch ein derartiger Mord keine Überraschung wäre. Hier die Gegner des Krieges in der Ukraine – und Babtschenko als ihr Vertreter nahm in den letzten Jahren tatsächlich kein Blatt vor den Mund -, dort die Anhänger der Russischen Welt, die überzeugt sind davon, dass man im Donbass und anderswo die Russen gegen die Faschisten verteidigen muss, und das zum Teil auch selbst mit der Waffe in der Hand tun. Russland besteht nicht nur aus Menschen, die eindeutig zu dieser oder jener Gruppe gehören. Diese Gruppen sind eher klein. Aber es sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Masse der Russen bewegt. Und gerade sehe ich die Nachricht, dass ein Bekannter in Moskau in Hungerstreik getreten ist – aus Solidarität für den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der 20 Jahre in russischer Lagerhaft verbringen soll wegen angeblicher „Planung terroristischer Handlungen“. Wie sollen wir damit klarkommen?

Russland wird ein rauschendes WM-Fest veranstalten. Viele Fans aus Deutschland und anderswo werden überrascht sein, wie schön Russland und wie ausgelassen und locker Russen sein können. Am Ende werden die vielen Begegnungen vielleicht sogar helfen, diesen angeblich so tiefen Graben zwischen dem Westen und Russland wieder etwas zuzuschütten.

Christian und ich werden in den kommenden Wochen schöne Erlebnisse und interessante Begegnungen haben. Wir werden uns auch mal von der Fußball-Euphorie mitreißen lassen. Vielleicht werden wir sogar Weltmeister. Aber neben Geschenken, neben Kameras, Laptops, Schlafsäcken und Reisepässen gehören auch diese Gedanken zu unserem Reisegepäck.

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