Wer nicht in Saransk war, hat Russland nicht gesehen.

Von Jewgenij Markow

Saransk ist zweifelsohne der seltsamste Austragungsort dieser Weltmeisterschaft. Alle Einwohner der Stadt lassen sich in dreieinhalb durchschnittliche Olympiastadien packen. Für die Maßstäbe unserer Provinzstadt haben wir ein gewaltiges Stadion bekommen. Zudem geriet der Bau ungeheuer teuer, wenn man die Stadien des ganzen Planeten als Richtschnur nimmt. Und das alles für einen Klub aus dem Sumpf der zweiten russischen Liga. Dort wühlen sich die Fußballer üblicherweise durch den Dreck, was von ein paar hundert Fans verfolgt wird. Wer aus diesem Sumpf rauskommen will, braucht einen echt reichen Sponsor oder ein Wunder. Mit anderen Worten: Man braucht Putin.

Der einzige Faktor, der Saransk zum Vorteil gereicht, ist seine Authentizität. Nach den Metropolen  Moskau und Petersburg, den Millionenstädten Samara und Jekaterinburg oder Sotschi am Meer kann man hier noch ein anderes Russland erleben: das übersichtliche, gemütliche und traditionelle.

Wenn man das wilde und ungefilterte Russland noch nie gesehen hat, wird einem Saransk gefallen. Jewgenij Markow über Saransk

Saransk ist die kleinste Stadt der Weltmeisterschaft. Im Winter möchte man hier sterben vor lauter Dumpfheit; im Frühling und Sommer, wenn es grüner wird, ist das Leben sogar erträglich. In den Bäckereien werden Brötchen mit gezuckerter Kondensmilch für 25 Rubel (35 Cent) das Stück verkauft. Die zentralen Orte für die Freizeitgestaltung sind das einzige McDonalds und eine Shopping-Mall, die ein Kino hat. Im Puschkin-Park hat sich seit den Tagen der UdSSR nichts verändert. Es gibt einen kleinen Zoo, prähistorische Fahrgeschäfte, sehr angenehme Musik aus krächzenden Lautsprechern, Bänke und Wege, ältere Paare schwingen das Tanzbein. Alles sauber, einfach schön.

Wenn man das wilde und ungefilterte Russland noch nie gesehen hat, wird einem Saransk gefallen. Außerdem haben sich hier zwei Völker vermischt – die Russen und die Mordwinen. Deswegen sind die Straßennamen in zwei Sprachen geschrieben – in Russisch und in Mordwinisch, was nichts mit dem Slawischen zu tun hat, sondern dem Finnischen oder Estnischen ähnlich ist. Die Restaurants sind mit mordwinischen Ornamenten geschmückt. Dort kann man Gerichte bestellen, die „Bärentatze“ heißen.

"Wenn einer die WM in Saransk verdient hat, dann Witjok."

Gibt es irgendein einleuchtendes Argument dafür, dass man Saransk zu einem Austragungsort der WM gemacht hat? Sicher nicht. Selbst den Fußballverrückten in Krasnodar hat man das Turnier vorenthalten. Dabei hat Sergej Galizkij, der Besitzer des dortigen Fußballvereins (der sogar recht erfolgreich in der Premjer Liga spielt), der Stadt ein Fußballstadion gebaut, welches zu den besten Arenen in Russland zählt – auf eigene Kosten. Krasnodar hätte Fußball von Weltrang verdient gehabt, und der Staat hätte auch keine hunderte Millionen für ein neues Stadion verschwenden müssen. Aber das Haushaltsgeld ging eben nach Saransk, zusammen mit der Nationalmannschaft von Panama.

Das Stadion „Mordovia Arena“ hat man für vier Spiele gebaut. Für vier Spiele. Ach, und es sind sogar noch Tickets erhältlich. Und „danach wird man das Stadion den Amateuren übergeben“, witzeln die Fans des lokalen Klubs Mordowija. Seit 2015 hat dieser Verein keinen Sponsor mehr; Schulden hat er auch, seit er in der Premjer Liga scheiterte und daraufhin auch aus der zweiten russischen Spielklasse flog. Aktuell spielt Mordowija in einem sehr atmosphärischen Stadion, das sich „Start“ nennt und Platz für 10.000 Zuschauer bietet, das bei Heimspielen aber noch nicht mal zu einem Drittel gefüllt ist. Von dem Fußball, der mit staatlichen Geldern (die nie reichen) finanziert wird, haben wirklich alle furchtbar die Nase voll. Deswegen kommt einem die Übersiedlung des unterklassigen Vereins Mordowija in ein Raumstation-großes Stadion so vor, als würde man jemandem ein iPhone schenken, der nichts zu essen hat. Klar, das Ding ist schön und teuer – aber wozu das alles?

Bis hierhin ist, denke ich, klar geworden, dass Saransk keine Stadt ist, die für den Fußball lebt. Dennoch lebt in dieser Stadt der bekannteste Fan des Landes. Er heißt Viktor Wanjagin, genannt Witek. Man sieht ihn seit vielen Jahren bei den Spielen von Mordowija – ein älterer Mann ohne Trikot, der 90 Minuten lang pfeift, flucht, schimpft und dem ramponierten Rasen diese legendären Worte entgegen schreit: „Welikaja Mordowija, welikaja Mordwa!“ Das große Mordowija, das große Mordwa. Mit diesem Slogan wird Saransk und die Region Mordowija seit ein paar Jahren verherrlicht. Denn bis heute weiß man in Russland über die Republik nur, dass es viele Gefängnisse gibt und dass Gérard Depardieu dort seinen Wohnort angemeldet hat, nachdem man dem Schauspieler die russische Staatsbürgerschaft geschenkt hatte.

Ein Sportsender versuchte einst, Witek aus dem Weg zu räumen. Seine lauten Wehklagen, so der Vorwurf, beeinträchtigten die Arbeit der Kommentatoren. Aber das gelang nicht. Denn für den bekannten Fan setzte sich nicht nur der Klub ein, sondern auch die Fans und der Trainer der Mannschaft. Witek, 68, wohnt am Rande von Saransk in einem der typischen Mehrfamilienhäuser, die man in Russland „Ameisenbau“ nennt. Er hat eine kleine Wohnung, lebt von seiner bescheidenen Rente. Früher hat er als Packer in einer Kartonfabrik gearbeitet. Er schläft auf einer Matratze. Im Winter dichtet er die zugigen Fenster mit Papier und anderen Dingen ab. Seine Frau starb vor einem Jahr. Witek und seine beiden Zwillingssöhne werden abwechselnd in die Psychiatrie eingewiesen. Ein Sohn, Wladislaw, fällt immer mal wieder die Nachbarn an. Eine Nachbarin erzählte, dass sie ihm mit einem Schuhanzieher ins Gesicht geschlagen hat. Witek lebt immer noch in diesem Haus in der Straße der Pioniere, er kocht sich Pelmeni und sorgt sich, wenn der Winter kommt. Das einzige Hobby, das er hat, ist Mordowija. Er liebt den Fußball. Und er ist es, der sich die Weltmeisterschaft in Saransk verdient hat.

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