Von Juktali bis Bratsk:
die sowjetische Baustelle

„Ich bin gerade auf dem Weg nach Tjumen – das sind fünf Tage Bahnfahrt. Dann noch einen Tag bis Urengoj, da müssen wir mit einem Kollegen nacharbeiten. Ich baue seit einem Vierteljahrhundert Hochspannungsleitungen. Wir arbeiten hier meist im Winter, weil man im Sommer mit dem Material nicht durchkommt durch die Tundra.
Ich bin mit zehn ins Waisenhaus gekommen, weil meine Eltern beide gestorben sind. Dann habe ich ein paar Jahre noch zu Sowjetzeiten gearbeitet. Und ich kann nur eins sagen: Da waren wir sozial viel besser abgesichert. Ich habe ganz am Anfang 600 Rubel verdient. Das war mehr Geld, als wir überhaupt ausgeben konnten. Der Flug nach Moskau hat 120 Rubel gekostet. Heute kostet er 30.000 Rubel – aber ich verdiene aufs Jahr umgerechnet im Monat nur um die 60.000.
Das, was wir heute haben, ist nicht gerecht. Wir können ordentlich verdienen, aber oft genug werden wir auch verarscht.“

"Wenn jemand versucht, die Kaukasier um den Lohn zu prellen, schicken sie einen, der ihm die Pistole auf die Brust setzt." Ariand, Bauarbeiter

„Das läuft so: Wir kommen mit unserer Brigade irgendwo hin zum Arbeiten. Der Chef sagt uns: Es gibt zwei Varianten. Entweder 40.000 „weiß“, oder 10.000 weiß und 90.000 schwarz. Natürlich nehmen wir die letzte Variante. 40.000 (600 Euro) ist für diese harte Arbeit nicht genug.
Aber letztes Jahr hat die Steuerbehörde einen unserer Chefs hopsgenommen. Am Ende musste er mehrere Millionen Steuern nachzahlen. Er ist bankrott gegangen. Er sagt uns: Irgendwann bekommt ihr euer Geld. Aber wir glauben nicht daran. Aber umbringen kannst Du ihn ja auch nicht. Ich finde das ungerecht: Der Staat hat sich zuerst genommen, was ihm zusteht, aber wir gehen leer aus.
Es gibt allerdings auch Leute im hohen Norden, die werden nicht verarscht. Man nennt sie die „nördlichen Kaukasier“. Das sind Tschetschenen und andere Kaukasier. Wenn jemand versucht, die um den Lohn zu prellen, schicken sie ihm einen, der ihm die Pistole auf die Brust setzt. Also in echt.“

„In meiner Brigade sind wir 15 Leute. Ich bin der einzige Jakute, dann gibt es noch einen Tataren, einen aus der Republik Mari-El, zwei Weißrussen und einen Litauer, der Rest sind Russen. Ich hab mal im Streit zum Litauer gesagt: Du bist ja nicht mal Russe. Da hat er geschimpft: Ich bin genau so wenig Russe wie Du! Ansonsten arbeiten wir aber gut zusammen. Unsere Brigade ist wie eine kleine Sowjetunion.
Das Geld reicht zum Leben. Außer, wenn Du säufst – dann ist es schnell weg. Aber saufen tun wir nur, wenn wir nicht arbeiten. Bei der Arbeit ist es sehr streng: Wenn Du säufst, fliegst Du raus.
Heute gibt es zwar mehr Freiheit: Ich kann arbeiten, wann ich will. Oder ich kann mich zu Hause auf das Sofa legen und saufen. Zu Sowjetzeiten wäre das nicht gegangen – da hätte der Staat dich gleich in Therapie geschickt.
Überhaupt haben wir in Jakutien zu Sowjetzeiten besser gelebt. Unser Gebiet ist unglaublich reich. Wir haben hier Kohle, Gold, Uran, Edelsteine, Öl und Gas. Aber das meiste holen sich die Oligarchen aus Moskau. Und für uns bleiben ein paar Krümel übrig. Es gibt in Jakutien auch solche, die unabhängig von Moskau werden wollen. Aber da wird nichts draus. Moskau schickt dann sofort Panzer. Man hat es ja an Tschetschenien gesehen: Da gibt es nicht besonders viele Rohstoffe, aber die hat Russland auch platt gemacht, als sie unabhängig werden wollten.“

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