Scheiß auf die WM,
geh Elfenbein suchen

Wenn Iwan Iwanowitsch sein Radio auf Kurzwelle stellt und dann mit seinen schwieligen Fingern behutsam den Frequenzregler hin- und herschiebt, dann erklingen aus den Lautsprechern dann und wann japanische und chinesische Stimmen, ja sogar indische Musik. „Nur russisches Radio kann ich nicht mehr empfangen seit diesem Jahr. Weiß der Henker warum“, sagt Iwan Iwanowitsch. Dann verlässt er seine Holzhütte, zieht sich die Gummistiefel an, lässt den Motor seines Bootes an und fährt ans andere Ufer des mächtigen Flusses Indigirka, um die Netze zu überprüfen.

Die Weltmeisterschaft findet ohne den 80-jährigen jakutischen Fischer statt, hier im nordöstlichsten Zipfel Russlands an der 1700 Kilometer langen Indigirka, auf der wir mehrere Tage lang mit einem Boot unterwegs sind, umgeben von der endlosen Tundra der Republik Jakutien, die etwas kleiner als die EU ist, aber nur zwei Millionen Einwohner hat.

Auf diesem Platz aus Staub und Steinen zerhaut sich die Dorfjugend ihre Knie, die Tore wirken, als würden sie beim nächsten Pfostenknaller in sich zusammenfallen.

Der WM-Zirkus spielt sich nur im europäischen Drittel des Landes ab. Würde die WM in Deutschland oder Brasilien stattfinden – hier in der Siedlung Belaja Gora (Weißer Berg), würde es sich ähnlich anfühlen. Versteht uns nicht falsch: Auch viele Menschen, besonders die jüngeren, freuen sich hier auf die Fußballweltmeisterschaft. Aber zur Hauptstadt sind es acht Stunden Zeitunterschied. Das Eröffnungsspiel startete in Moskau um sechs Uhr abends, da war es hier nachts um zwei. Taghell zwar, weil wir hier am Polarkreis sind, aber eben doch nachts um zwei.

„Wir sind daran gewöhnt, nachts aufzustehen“, sagt der Student Iwan in Belaja Gora. „Das letzte Finale der Champions League fing hier um vier Uhr morgens an.“ Den 21-Jährigen lernen wir beim Fußballspielen auf dem „Platz des Sieges“ im Zentrum der Siedlung kennen.

Auf diesem Platz aus Staub und Steinen zerhaut sich die Dorfjugend ihre Knie, die Tore wirken, als würden sie beim nächsten Pfostenknaller in sich zusammenfallen. Auf einen Ersatz für die Turnhalle, die vor Jahren unter der Schneelast kollabiert ist, warten die Jungs vergeblich. Einerseits schimpft jeder Zweite darüber, dass so viel Geld für die Stadien im Westen ausgegeben wurde, andererseits glaubt kaum jemand daran, dass dieses Geld andernfalls hier gelandet wäre.

Wenn Ende Mai das letzte Eis geschmolzen ist und die Nächte so hell wie die Tage sind, gehen Sascha und die meisten anderen auf die Suche nach dem weißen Gold.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als auch in Belaja Gora die staatlichen Betriebe schlossen und die Schifffahrt über die ostsibirische See praktisch zum Erliegen kam, haben sich die Menschen daran gewöhnt, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Iwan studiert jetzt in der Hauptstadt und will dann in eine der sibirischen Großstädte.

Die Kinder von Iwan Iwanowitsch haben ihm neben seine Fischerhütte einen dieselbetriebenen Kühlcontainer gestellt. Jetzt kann er immerhin den gefangenen Fisch einfrieren, bis er im Herbst von einem Kühlschiff abgeholt wird. Aber weil der Diesel hier im hohen Norden um 50% teurer als im restlichen Russland ist, ist die harte Arbeit im kurzen Sommer in manchen Jahren ein Nullsummenspiel. Deshalb gibt es hier am Polarkreis auch immer weniger von der Sorte Iwan Iwanowitsch und immer mehr von der Sorte Sascha, der uns im Boot über die Indigirka chauffiert.

Wenn Ende Mai das letzte Eis geschmolzen ist und die Nächte so hell wie die Tage sind, gehen Sascha und die meisten anderen auf die Suche nach dem weißen Gold. Aber während es am Yukon einst dicke Nuggets waren, die die Goldsucher anzogen, sind es hier die Stoßzähne von Mammuts.

WHAT?

Auf den Kiesstraßen der Siedlung sind seitdem neben den klapprigen Sowjetjeeps auch viele protzige japanische Geländewagen unterwegs.

Richtig gelesen. In dieser Gegend lebten bis vor 5000 Jahren die letzten Mammutherden der Welt. Ihre Überreste lagern tiefgefroren im Permafrost von hier bis zur ostsibirischen See ein paar hundert Kilometer den Fluss hinauf. Und seit die chinesischen Elfenbeinschnitzer und Stoßzahnsammler auf den Geschmack gekommen sind und auch im Rest der Welt „ethisches Elfenbein“ (weil man ja keine Elefanten mehr dafür umlegen muss) bekannt geworden ist, herrscht hier ein mit dem amerikanischen Goldrausch vergleichbarer „Elfenbeinrausch“: Die Jakuten machen sich mit Dollarzeichen in den Augen auf den Weg in die Wildnis rund um Belaja Gora, spülen mit großen Pumpen die Ufer aus, stochern mit Piken im Schlamm, immer hoffend auf das „Klick klick“, den Ton, der entsteht, wenn Metall auf Elfenbein trifft. Auf den Kiesstraßen der Siedlung sind seitdem neben den klapprigen Sowjetjeeps auch viele protzige japanische Geländewagen und auf der Indigirka neue Boote mit dicken Motoren unterwegs. Andere haben sich Wohnungen in Jakutsk gekauft und kommen nur im Sommer zur Mammutsuche zurück. Von 5000 Einwohnern zu Sowjetzeiten sind weniger als 2000 geblieben.

Unser Chauffeur Sascha, 57 Jahre alt und Vater von acht Kindern (von drei Frauen), hat sich so über die Jahre zwei neue Boote, ein Auto, ein Schneemobil und ein Raupenfahrzeug zugelegt. Wer den Jackpot knackt – und das Horn eines Ur-Nashorns findet, aus dem die Chinesen Aphrodisiaka machen – hat auf einen Schlag fünf Millionen Rubel verdient, unfassbare 75.000 Euro. Das führt viele zur Frage, wie man das so schnell verdiente Geld anlegen kann. Hier kommen die Bitcoins ins Spiel.

Zum ersten Mal hören wir „Bitcoin“ von einer Brotverkäuferin um die 60, die uns darüber ausfragt, welche Kryptowährung denn so die vertrauenswürdigste sei. Sie hätte da auf What’s-App so einiges gelesen. Iwan, die Fußballbekanntschaft, weiß mehr darüber: Mehrere seiner Bekannten würden ihr mit Elfenbein verdientes Geld inzwischen in Bitcoins und anderen Kryptowährungen anlegen – den Banken dagegen vertraut kaum jemand. Willkommen im 21. Jahrhundert in dieser Siedlung am Ende der Welt, um die herum Bären und Elche ziehen, deren Häuser von außen eher Baracken ähneln, aber deren Bewohner sich daran gewöhnt haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ohne das Elfenbein, das kann man wohl sagen, wäre die Siedlung schon lange platt, denn nur die Staatsbeamten bekommen ordentliche Gehälter. Das ist eben auch Russland: In den privaten Taschen kann viel Geld stecken, aber den Dörfern und Städten sieht man das nicht an. Zu Hause haben die meisten inzwischen ihre Flachbildfernseher, wo sie nächtens die Spiele der WM verfolgen. Aber es gibt keine Kneipe und im Gemeindehaus nicht einmal einen Beamer, auf dem man die Spiele zusammen schauen könnte. Auch das einer der Gründe, weil Iwan weg will von hier.

Und nicht alle sind glücklich über den weißen Rausch. „Das sind alles Leute, die im Sommer Stoßzähne suchen, sie verkaufen, und dann den ganzen Winter (neun Monate, Anm. d. Red.) auf dem Sofa liegen und das Geld versaufen“, schimpft etwa der Wirt unserer Pension, ein Jakut um die 35. Und mit geradezu protestantischer Ethik fügt sie hinzu: „Man sollte arbeiten und von dem verdienten Geld leben. Schnelles, fremdes Geld – das führt immer nur zu Ärger. Viele Familien hier in der Siedlung haben sich darüber zerstritten.“

Aber gerade das „ehrliche Arbeiten“ ist hier seit dem Ende der Sowjetunion immer schwieriger geworden. Die Lebensmittel kosten etwa 50 Prozent mehr als „auf dem Festland“, wie man in Belaja Gora sagt, weil sie per Flugzeug, Schiff oder im Winter zweitausend Kilometer über Eisstraßen transportiert werden. Es gibt zwar eine staatliche Zulage für all jene, die in Russland im hohen Norden arbeiten, aber die wird von den hohen Kosten aufgefressen. Das Internet wird in Belaja Gora noch in Megabyte abgerechnet (wir haben in vier Tagen 50 Euro versurft!), und ein Flugticket für die klapprige Propellermaschine ins zweieinhalb Stunden entfernte Jakutsk, Hauptstadt und einzige nennenswerte Stadt der Republik, werden knapp 300 Euro fällig. Das ist mehr als für den siebenstündigen Flug von Moskau nach Jakutsk in einer komfortablen Boeing!

Aber zurück auf den Fluss Indigirka, auf dem sich die fünf Stunden bis zur Fischerei anfühlen, als rauschten wir im Cabrio von Berlin nach München, nur ohne Verkehr. Nachdem wir unserem Chauffeur Sascha mit Mühe unser Projekt buterbrod und spiele, den Zusammenhang zur WM und das Wort „Crowdfunding“ erklärt haben, schaut er uns ernst an und sagt: „Jungs, mal ehrlich: Scheißt doch auf die WM und geht lieber Elfenbein suchen!“

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