„Ryba, Ryba, fall doch endlich!“

Meine Karriere als Fußballfan begann in meinen frühen Studentenzeiten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem daraus folgenden Ende der UdSSR-Liga musste auf die Schnelle eine russische Liga organisiert werden. Klubs wie Lokomotive aus Nischnij Nowgorod sahen die Chance, einmal ganz oben mitspielen zu können. Diese Chance nutzten sie.

Es war eine verrückte, ungestüme Zeit der Jugend und der Frische. Eine Zeit der absoluten Freiheit, Gesetz- und Straflosigkeit. Die Fußballclubs gehörten Mafiosi, und von Rostow bis Wladiwostok wurden die Spiele manipuliert und gekauft, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Bis heute wird über verschiedene Arten gekaufter Spiele erzählt, von Koffern mit Geld, die in den Hotels vor den Türen der Gegner abgestellt wurden. Oder von dem Panzerwagen, mit dem die Mannschaft aus Arsamas einen unserer Spieler abkaufte. Der Panzerwagen fuhr eine Weile lang mit seinem heulenden Motor durch die Stadt. Bis sein Motor geklaut wurde.

Das Fußballfeld Fußballfeld - ein „Startplatz für ballistische Raketen“

Diese trunken machende Atmosphäre der Freiheit und des allgemeinen Chaos’ prägte auch uns. Von den hinteren Plätzen in den Lesesälen der Universität wechselten wir auf die billigen Plätze ganz oben im Stadion – und machten von dort aus Zoff.

Das Stadion ähnelte dem Amphitheater der klassischen Hörsäle der Universität, die Fußballer den trotteligen Dozenten, und das Fußballfeld – nach den Worten des Trainers – einem „Startplatz für ballistische Raketen“. Man konnte Sonnenblumenkerne kauen und die Schalen auf den Boden spucken, Karten spielen und belebende Getränke aus Flaschen trinken. Zum Bier gehört in Russland immer der Fisch. Und auch den gab es.

Bei Lokomotive spielte der Stürmer Viktor Rybakow – Spitzname „Ryba“ (Fisch). Weil unsere Mannschaft weder mit Ergebnissen noch mit Effektivität glänzen konnte, sahen Heimspiele gewöhnlich so aus: Unsere Spieler verbarrikadierten sich zu elft in der eigenen Hälfte, um kurz vor Spielende – beim Stand von 0:0 – aufs Tor des Gegners zu zu rennen. Dort kam Rybakow zu Fall. Besser gesagt, er fällte sich selbst. Keine Frage, dass die nicht ganz unparteiischen Schiedsrichter einen Elfmeter gaben, den der zuvor Gefoulte selbst einlochte. Das Publikum war daran gewöhnt, und so hörte man jedes Mal gegen Spielende von den Rängen: „Ryba, Ryba, fall doch endlich!“

Im russischen Fußball der 90er und zu Anfang der Nullerjahre gab es viele charismatische Persönlichkeiten. Die unangefochtene Nummer 1 war unser Trainer Walerij Owtschinnikow – Spitzname „Bormann“. Mehr als zehn Jahre trainierte er den Club und erfreute uns mit schrillen Kommentaren und extravagantem Benehmen. Allein dieser Satz: „Ich habe bestochen, ich besteche, und ich werde bestechen.“ Gefolgt von „Nur der Schiedsrichter Sergej Chusainow hat nix genommen. Ich redete auf ihn ein – aber ohne jeden Erfolg. Der wollte einfach nicht die Möglichkeiten nutzen, die er als Schiedsrichter hatte!“

Fußball in den 90er Jahren - man beachte die Darbietungen in den Spielpausen (Nischnij Nowgorod - Proleter Zrenjanin, Intertoto, 1997)

Zu jenen Zeiten war Nischnij Nowgorod in aller Munde. Wir galten als dritte Hauptstadt Russlands und als fortschrittlichste Stadt überhaupt. Der Gouverneur Boris Nemzow hatte den Ruf eines modernen, jungen und demokratischen Politikers und empfing fast alle Ausländer, die in die Stadt kamen, persönlich in seinem Arbeitszimmer.

Die Stadt ist auf hohen Hügeln gebaut, den sogenannten Spechtbergen. Dazwischen fließt der Fluss Oka in die Wolga. Das eine Ufer ist hoch, das andere flach. Derartige Städte gibt es nicht viele in der Welt – und es sieht einfach schön aus. Aber zum spazieren braucht man kräftige Beine. Um in Nischnij zu überleben, braucht man neben kräftigen Beinen auch kräftige Nerven.

Das wussten auch unsere Fußballer zu Zeiten der Fußball-Blüte. In der Vorbereitungsphase jagte Bormann seine Spieler bis zum Umfallen. Das Wichtigste war für ihn Kondition, und seine Kämpfer machten in den ersten Spielen der Saison alle anderen fertig. Zur Mitte der Saison holten die anderen Mannschaften auf und unser Team fing an, schlapp zu werden.

Bormann zwang seine Spieler, mit Gewichten zu joggen und die Tschkalow-Treppe (442 Stufen) zu erklimmen. Bei einem solchen Training fragte ein Einwohner die Sportler: Sagt mal, Jungs, welchen Sport treibt ihr denn? Sie antworteten: Fußball. Er darauf: Echt? Ich dachte, ihr seid Gewichtheber. Ich hab euch ja noch nie mit nem Ball gesehen.

 

Über Disziplinprobleme bei seinen Spielern sagte Bormann: „Es bringt nichts, einem Spieler den Lohn wegzunehmen – davon wird er nur böse. Wenn ich mitbekommen habe, dass sich einer daneben benommen hat, hab ich ihn am nächsten Tag im Training so fertiggemacht, dass er sich die Seele aus dem Leib gekotzt hat. Es ist am wichtigsten, diese Pest rechtzeitig aus dem Organismus rauszubekommen. Den Fußballern sag ich: Wenn die Saison vorbei ist, nehmt euch einen Waschzuber, schüttet eine ganze Kiste Wodka rein, geht in die Hocke und schleckt alles aus bis auf den letzten Tropfen. Macht im Urlaub, was ihr wollt. Aber ich hatte nie Angst davor, einen Spieler ins Team zu nehmen, der den Ruf hatte, gegen die Regeln zu verstoßen.“

Einen Ball gab Bormann den Spielern nicht. Dafür traf man ihn immer leicht angetrunken und mit einer Zigarette an. Er liebte raue Schimpfwörter, die er nach jedem Wort einfügte.

Bormann ist der Inbegriff der Stadt in ihren goldenen Jahren, einer Stadt, die offen ist für alle Winde, in der man frei spazieren und trinken und sagen darf, was einem in den Kopf kommt. In der man jedem Vorgesetzten ein LMAA an den Kopf werfen kann, darunter auch dem Gouverneur, der einst ernsthaft forderte, ein Spiel zu stoppen und von vorne anzufangen, weil er zu spät gekommen war. Damals holte der Trainer mit Vergnügen aus der Tasche seiner weiten Hosen eben jene vier Buchstaben, die er für derartige Fälle parat hatte.

Ildar Abusjarow ist Schriftsteller und Journalist. Er wurde bekannt mit einem Skandalroman über islamistische Terroristen namens “Chusch” und mit seinen Reportagen aus Krisengebieten. Auf der Basis seiner Reportagen entstand sein Roman “Mutabor” über die “farbigen Revolutionen” in der arabischen Welt. Abusjarow wuchs in Nischnij Nowgorod auf, in letzter Zeit wohnt er jedoch in einer Stadt, die politisch bedeutsamer ist für das Land: Kasan.

Und zu guter Letzt noch ein Gruß von uns: Das System hat diesen Artikel versehentlich ohne Bild und völlig ungeordnet online geschaltet, während wir gerade Jetlag-geschädigt (wir sind jetzt östlicher als Sydney) in unserem Zimmer in Belaja Gora vor uns hinkomatierten. Wir bitten euch inständigst, diesen ersten Patzer zu verzeihen.

Grüße

Moritz und Christian

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