Fürchtet euch nicht,
kommt nach Moskau!

Im aktuellen Spartacus Gay Travel Index kommt Russland schlecht weg: Unter 197 Staaten landet es europäisch abgeschlagen auf Platz 157. Aber Mischa Nossow sagt: Fürchtet euch nicht, kommt nach Moskau. Und das, obwohl ihm schonmal eine Knarre an den Kopf gehalten wurde. Er zog als Junge mit seiner Mutter aus dem Nordkaukasus nach Moskau, arbeitet jetzt als Fashion Stylist in einem Onlineversand für Mode und lebt mit seinem Freund und Katze Cindy zusammen. Wir treffen den 27-Jährigen im neu eröffneten Park „Sarjadje“, hinter uns der Kreml, vor uns auf einem Holzpodest die ehemalige Miss Russland und heutige UN-Botschafterin gegen Diskriminierung Victoria Lopyrjowa, die den Fußballer Didier Drogba interviewt und ihre Zuhörer zu Toleranz aufruft. Das Ganze stellt sich später übrigens als Werbeveranstaltung für den Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin heraus, der sich im September wiederwählen lässt. Aber zurück zum Thema: Das Wort hat Mischa Nossow.

„Ich habe einige Freunde in Deutschland und England, die mich schon besucht haben. Natürlich kamen vorher Fragen: Ist es denn gefährlich als Schwuler in Moskau? Ich habe ihnen gesagt: Wenn du mit High Heels und abgefahrenen Klamotten kommst, dann gibt es Probleme. Aber wenn du dich casual style anziehst – kein Problem.
Bei uns ist es allgemein eher ungewöhnlich, dass sich Männer extravagant anziehen – deshalb haben viele auch die ausländischen Fußballfans in ihren verrückten Klamotten als so exotisch wahrgenommen.
Ich selber bin auch nicht in langweiligen Klamotten unterwegs, aber eben nicht in High Heels und mit einem Plakat in der Hand. Wenn ich so herumlaufe wie jetzt, höre ich manchmal schon eindeutige Kommentare hinter meinem Rücken. Aber dann drehe ich mich um und sage: Na und? Man sollte sich nicht fürchten. Natürlich können wir nicht Händchen haltend durch die Straßen laufen oder draußen knutschen. Aber das muss man auch nicht auf der Straße machen, dafür gibt es intimere Orte – ich finde, dass das auch für Heteros gilt.

Wir haben hier seit Jahren unser halbes Dutzend Clubs, ein paar davon reine Schwulenclubs. Der bekannteste ist die „Zentralnaja Stanzija“. Meine ausländischen Freunde sind sehr zufrieden wieder nach Hause gefahren. Sie waren davon überrascht, dass es in den Clubs genauso freizügig zugeht wie in Europa, und wie viel die russischen Schwulen saufen. Am meisten hat sie gestört, dass die Russen so wenig lächeln.“

"Mit Schwulenparaden kann man derzeit gar nichts erreichen. Die Leute sind noch nicht bereit dafür." Mischa Nossow

„Bei meiner Arbeit ist meine sexuelle Orientierung überhaupt kein Problem. Es ist kaum vorstellbar, dass sich jemand über mich lustig machen könnte deswegen. Aber ich verstehe schon, dass Moskau und etwa meine nordkaukasische Heimatstadt Pjatigorsk zwei verschiedene Welten sind. Ich war jetzt 15 Jahre nicht dort. Wenn ich da hinfahre, werde ich mich ganz sicher anders anziehen. Auch mein Freund kommt aus einer Kleinstadt. Da ist es ganz anders. Nur seine engsten Verwandten wissen, dass er mit mir zusammenlebt. Ich stelle zwar Bilder von uns beiden auf Instagram, aber er bittet mich darum, ihn nicht darauf zu markieren. Meine Mama kennt meinen Freund, fragt immer, wie es ihm geht. Mein Stiefvater, naja, der versteht, was los ist, aber darüber wird nicht viel gesprochen.

Mit Schwulenparaden kann man derzeit gar nichts erreichen, das ist doch klar. Die Leute sind noch nicht bereit dafür. Das ist überflüssig. Dann kommen wieder die Kosaken und die Babuschkas mit ihren Ikonen, dann wird in Europa wieder gezeigt, wie schrecklich und gefährlich es hier ist. Wer braucht das?
Derzeit ist es ja ohnehin fast völlig verboten, zu demonstrieren. Und dann auch noch mit unserem Thema!
Es mangelt auch an Persönlichkeiten, hinter denen wir uns vereinigen könnten. Diejenigen, die es gibt, sind ein Witz. Dem einen von ihnen würde sogar ich als Schwuler lieber eins in die Fresse geben. Harvey Milk, der war äußerlich interessant und moralisch integer – dem würde ich mich anschließen.
Ein Problem ist auch das Wort „Parade“: In Russland wird das assoziiert mit den Militärparaden zum 9. Mai, oder früher mit der Parade zum 1. Mai. Das kommt schlecht an, wenn wir dieses Wort benutzen.“

"Man sollte eben nicht sein Schicksal herausfordern." Mischa Nossow

„Alles braucht seine Zeit. Wir haben eben bis vor 25 Jahren hinter dem Eisernen Vorhang gelebt. Erst in den 90er Jahren gab es mehr Freiheit. Im Kreml ist man der Meinung, dass es zu wenig Geburten gibt. Deshalb müssen wir die Schwulen verbieten. Aber dann gebt doch den jungen Familien lieber mehr Geld! Die Schwulen sind die Erbauer dieser Kultur – bis 1918 war Russland ein Zentrum der Mode, der Kunst. Und das ist zerstört worden, als die Intelligenzia das Land verlassen hat. Na gut, nicht die ganze Intelligenzia war homosexuell. Aber der Anteil in dieser Gruppe ist schon höher.
Es gibt bei uns eine Angst davor, zu leben, wie man will, wie es einem gefällt. Selbst im Show-Business gibt es niemanden, der eingesteht, schwul zu sein. Unsere wichtigste Travestie-Nudel Filipp Kirkorow behauptet immer: „Nein, ich bin keiner von denen! Ich kenne viele von denen, aber so sollte man nicht leben!“ Was soll das?
Ich bin dafür, immer so zu sein, wie du wirklich bist. Aber darüber streite ich auch mit meinem Freund. Er sagt: Was für Klamotten hast du dir da wieder gekauft! Oder wenn ich ihn auf der Straße streichele, sagt er: Mach das nicht. Man muss verstehen: Wenn du dich besonders verhältst, dann wird es auch eine besondere Reaktion geben.

Man sollte eben nicht sein Schicksal herausfordern. Vor ein paar Tagen ist einer in den Laden von German Sterligow gelatscht (ein ehemaliger Millionär, der jetzt Landwirtschaft betreibt und bekannt für seine homophoben Einstellungen ist). Er wurde gebeten, den Laden zu verlassen. Dann ist er aber nochmal rein, hat seine Handykamera angemacht, und dann wurde er rausgeschmissen. Warum muss man als Schwuler in den Laden von diesem Typen gehen? Wenn du zu Sterligow kommst, dann weißt du, dass das ein Typ ist, der gerne seine Religiösität nach außen kehrt und daraus eine Show macht. Der Junge wollte sich mit diesem Scheiß einen Namen machen. Aber mal ehrlich: Mach dir lieber einen Namen damit, dass du einen Impfstoff gegen AIDS gefunden hast!

Ich glaube, dass Veränderungen nur durch Aufklärung kommen. Man sollte den Menschen beibringen: Das ist nicht schlecht oder gut – dieser Mensch hat dies oder jenes gewählt. Die Jugendlichen werden immer noch völlig allein gelassen. Es gibt keine Sexualaufklärung. Stattdessen heißt es: Wenn du erwachsen bist, wirst du schon alles verstehen.
Deshalb sind alle sehr verklemmt. Viele meiner Freunde bestellen sich Präservative und andere Mittel lieber per Paketdienst, weil sie zu schüchtern sind, das in der Apotheke zu kaufen.“

"Wenn du ins Ausland willst, geh studieren, lern Sprachen, und dann kannst du emigrieren als vollwertiger Bürger. Aber Asyl beantragen?" Mischa Nossow

„Das Thema Homosexuelle kommt in den letzten Jahren nicht mehr so viel im Fernsehen vor. Wozu ist denn unser Fernsehen da? Um die Leute von den wirklichen Problemen abzulenken. Deshalb geht es immer um die Ukraine, darum, wie schlecht es in Amerika und Europa und wie gut es bei uns ist. Manchmal kommt das Schwulenthema schon hoch. Aber ich glaube, die da oben verstehen, dass es inzwischen so viele Probleme gibt, dass man den Menschen nicht auch noch mit den Schwulen kommen will.

Ich habe zwei Freunde, die in die USA ausgewandert sind, unter anderem, weil sie freier leben wollten. Das ist in Ordnung. Aber wenn ich Geschichten höre von Russen, die Asyl in Europa beantragen – das nervt mich. Wenn du ins Ausland willst, geh studieren, lern Sprachen, und dann kannst du emigrieren als vollwertiger Bürger. Aber Asyl beantragen? Wenn ich solche Geschichten höre: Ich wurde da und dort beleidigt – da ist doch viel blabla dabei.

Ich fühle mich hier nicht in meinen Rechten beschnitten. Mein Freund und ich können zusammen leben. Aber ein Problem ist, dass wir unsere Partnerschaft nicht registrieren können: Wenn du ins Krankenhaus zu deinem Freund kommst, musst du dir irgendeine Geschichte ausdenken, dass du der Bruder bist.

Richtig gefährlich war es nur einmal vor ein paar Jahren: Da kamen wir morgens um sechs aus dem Club Propaganda, standen draußen herum, und plötzlich kommt ein Typ, fängt an zu streiten und hält mir plötzlich eine Knarre vor‘s Gesicht. Ich weiß überhaupt nicht mehr, worum der Streit ging, ob es darum ging, dass ich schwul bin. Vielleicht war der auch einfach nur durchgeknallt oder besoffen? Meine Freunde haben Panik bekommen und sind schnell weggehuscht. Aber ich hab ihm gesagt: Was ist los, schieß doch! Dir gefällt mein Leben nicht, also töte mich! Hat er natürlich nicht gemacht. Schlappschwanz. Gibt einfach viele Idioten.

Einer meiner Freunde wurde vor ein paar Jahren leider umgebracht. Es gab da so eine Zeit, als es unter Schwulen sehr modisch war, im Internet Männer aus dem Kaukasus kennenzulernen und dann mit ihnen ins Bett zu gehen, weil sie als so wilde, männliche Typen galten. Aber das war sehr riskant: In vielen Fällen endete das mit Prügeln, Diebstahl, Erpressung oder sogar mit Mord. Mein Freund hat auch so einen zu sich nach Hause eingeladen. Später hat ihn seine Mutter mit 15 Messerstichen gefunden. Der Polizei hat der Kaukasier als Verteidigung gesagt: Aber das war doch ne Schwuchtel! Das ist schon übel, dass er dachte, dass das irgendwie das Strafmaß mildern könnte. Das ist natürlich fürchterlich. Aber jede dieser Bekanntschaften über das Internet ist wie Lotto spielen. Ich bin da sehr vorsichtig. Ich spreche erst mal per Telefon mit einem und sortiere sorgfältig aus.“

"Bei uns in der Gesellschaft denken alle: AIDS gibt es nur bei Schwulen oder Drogensüchtigen." Mischa Nossow

„Das Schlimmste an unserer Schwulencommunity ist, dass die meisten sehr einsam sind. Viele sind nicht stolz darauf, schwul zu sein. Viele würden fragen: Worauf soll ich schon stolz sein? Auf diese ewigen sexuellen Kontakte, die vielen Drogen, dieses Doppelleben?
Ich sehe auf der Schwulen-App „Hornet“ die Schwulen, die jetzt 18 oder 19 sind. Die sind sehr offen, aber gleichzeitig sehr unerfahren. Die tun aber so, als wüssten sie schon alles. Alle möglichen Sexpraktiken, Bareback, Gruppensex, Drogenkonsum, sie machen alles. Aber bei diesen Parties wird selten verhütet. Und die verstehen überhaupt nicht, was das für Folgen haben kann. Das Problem AIDS gibt es ja nicht nur bei Schwulen, sondern genauso bei Heterosexuellen. Aber bei uns in der Gesellschaft denken alle: AIDS gibt es nur bei Schwulen oder Drogensüchtigen.

Als ich mit 13 langsam verstand, dass ich schwul bin, konnte ich mit Hilfe des Internets alles mögliche lesen. Jetzt versucht man, das zu verbieten, aber mit Proxies und so weiter ist das alles leicht zu umgehen. Ja, ich finde auch, dass man die Jugend vor bestimmten Dingen schützen sollte, zum Beispiel vor zu viel Gewalt. Aber mal ehrlich: Mach mal den Fernseher an! Da zeigen sie dir Mord und Totschlag, Polizisten, die mit Banditen zusammenarbeiten, und Frauen, die dadurch erfolgreich werden, dass sie sich an irgendwelche Reichen ranschmeißen. Dieser Scheiß ist viel gefährlicher für Kinder als die verbotenen Seiten!“

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