Hat das Putin genutzt?

Andererseits: Kann es uns nicht wurscht sein, was ein Hoeneß von sich gibt?

„Ich muss den Russen zu ihrer WM gratulieren, sie war prima organisiert. Es gab keinen Hooliganismus, keine Gewalt, das ganze Land befindet sich in einem positiven Aufbruch. Eine Super-WM.“ Das hat Uli Hoeneß im Kicker gesagt. Ich sollte auf Deutschlandfunk Kultur nach über einem Monat Reise durch Russland urteilen, ob der Bayern-Boss Recht hat.

Natürlich hat er Recht. Und Unrecht.

Diese WM war eindwandfrei organisiert, es gab kein Chaos mit den Tickets, keine langen Schlangen vor den Stadien, Russland zog sogar seine Spendierhosen an und ließ eigene und ausländische Fans umsonst zwischen den Spielorten Zug fahren.

Aber woher weiß Uli Hoeneß, dass dieses Land sich in einem positiven Aufbruch befindet? So wie sich Russen für den Besuch ausländischer Gäste herausputzen und ihre Tische mit Essen und Trinken beladen, bis sie zusammenbrechen, hat Russland seine WM-Städte, Flughäfen und Eisenbahnen herausgeputzt. Aber am lähmenden autoritären System dieses Landes hat sich nicht das geringste geändert. Was meint Hoeneß mit Aufbruch? Andererseits: Kann es uns nicht wurscht sein, was ein Hoeneß von sich gibt? Jener Hoeneß, der die Vergabe der WM nach Südafrika als „eine der größten Fehlentscheidungen“ kritisierte. Wer etwas über Russland erfahren will, sollte lieber Buterbrod und Spiele lesen.

Es gibt ähnliche Zitate von Gianni Infantino, dem Kroaten Davor Suker und Lothar Matthäus. Sie alle glänzen durch ihre Oberflächlichkeit, sie werden von den russischen Staatsmedien zitiert und Wladimir Putin freut sich zweifellos über jedes einzelne. Russische Journalisten erzählten mir, ein hoher Kremlfunktioniär habe gesagt: All das Geld, was wir in RT, Sputnik und sonstige Medien gesteckt haben, hat nicht einmal die Hälfte des Effekts gebracht, die diese WM hatte. Der angebliche Effekt: Die Welt sieht Russland nun mit anderen Augen.

Natürlich haben diese Fußballfans mit den Russen keine philosophischen Diskussionen geführt. Sie haben getrunken, getanzt und gevögelt. Na und?

So sieht man das in den Chefetagen des Kremls. Aber ist es wirklich so?

Ich glaube nicht. Denn diese WM hat grundsätzlich nichts geändert am gespannten Verhältnis des Westens zu Russland. Ist die Annexion der Krim vergessen? Die Missachtung demokratischer Freiheiten in Russland? Die Verfolgung Homosexueller in der Teilrepublik Tschetschenien? Nicht einmal der ukrainische Regisseur Oleg Senzow, der sich seit über einem Monat im Hungerstreik befindet, ist vergessen. In den nächsten Tagen beginnt der hanebüchene Prozess gegen den tschetschenischen Menschenrechtler Ojub Titijew. Ja, für einen Monat traten diese Themen in den Hintergrund, aber sie sind nicht weg.

Auch während dieser WM liefen im russischen Staatsfernsehen die Talkshows weiter, in denen geifernde Experten und Politiker auf den Westen schimpften, den Faschismus in der Ukraine beklagten und den Untergang Merkels prophezeiten.

Aber für die Menschen in Russland war diese WM ein Moment des Aufatmens. Sie freuten sich über die sorglose Feierlaune in ihren Innenstädten – so viel Freiheit war nicht mehr seit den 90er Jahren. Seit nunmehr vier Jahren erzählt man ihnen, dass Deutsche, Amerikaner und Engländer dem großen Russland gegenüber feindlich gesinnt seien. Und nun kamen all diese Leute zu Zehntausenden ins Land, um zusammen mit den Russen ein Fest zu feiern. Eine Zugbegleiterin, die wochenlang ausländische Fans zwischen Kasan und Moskau hin- und herkutschiert hatte, zeigte sich tief beeindruckt von all den freundlich gesinnten Menschen. Und sie war nicht die einzige.

Natürlich haben diese Fußballfans mit den Russen keine philosophischen Diskussionen geführt. Sie haben getrunken, getanzt und gevögelt. Na und? Wie mein Berliner Kumpel Jens mir einst erklärte, als ich das Erasmus-Programm als staatlich subventioniertes Feierstipendium abkanzelte: Ist doch besser, wenn die Menschen zusammen Party machen, als wenn sie sich bekriegen. Recht hat er.

Ich finde es schade, dass gerade aus Westeuropa so wenige Menschen zur WM gekommen sind. Schon klar: Russland ist weniger sexy als Brasilien und Südafrika, und man will ja auch nicht die Feier dieses machohaften, homophoben und antiwestlichen Putins unterstützen. Aber hey: Wir haben auf unserer Reise Putin komischerweise kein einziges Mal getroffen. Dafür kam mein russischer Freund Schenja, der seit seiner Kindheit davon geträumt hatte, endlich mal die legendären englischen Fans in Aktion zu sehen, enttäuscht vom Match in Nischnij Nowgorod zurück. Nur anderthalb tausend Engländer waren dort, die Stimmung war mies.

Unter den Russen herrscht derweil eine böse Vorahnung, was nach dem Ende des großen Festes folgen wird. Sie erinnern sich an den heftigen Kater nach der letzten Feier: Auf die Olympiade in Sotschi folgte der Krieg in der Ukraine, der Konflikt mit dem Westen, eine heftige Wirtschaftskrise und ein Anziehen der autoritären Schrauben. Wie heftig wird der Kater diesmal ausfallen? Den Beginn der WM hatte die Regierung dazu genutzt, unter ferner liefen zu vermelden, man werde das Rentenalter für Frauen auf 63 und für Männer auf 65 Jahre anheben. Ist das ein erster Vorgeschmack auf das, was kommt?

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