Der Homo Sapiens ist tot, es lebe der Homo Harmonicus!

Der in Kasachstan geborene Tatare ist wohlhabend geworden mit dem Keramik-Baustoff „Arch-Skin„, aber seit Jahren wandelt er sich vom Businessman zum Mäzenaten. Auch weil er selbst noch einmal Vater mehrerer Kinder geworden ist, hat er alternative Schulen in Moskau und Tarusa gegründet, inspiriert von Steiner, Montessori und den russischen Denkern Ziolkowskij und Wernadskij. Wir treffen ihn im „Haus der Literaten“, einem ehemaligen sowjetischen Sanatorium für Schriftsteller, das er als Ruine gekauft und zu einem prächtigen Ort für Austellungen und Konzerte ausgebaut hat. Im Hintergrund bringt gerade Roman Kushniarou einem Moskauer Bub das Maultrommel-Spielen bei, im Konzertraum spielt ein 16-jähriges Wunderkind auf dem Flügel. Tarusa ist ein idyllisch gelegenes kleines Städtchen eine gute Stunde südlich von Moskau, das seit über 100 Jahren Künstler und Querdenker anzieht und eine Mischung aus russischem Provinzleben und Hochkultur ist. Achmetow, heute in seinen Fünfzigern, hat hier noch viel vor. Er will in Tarusa einen neuen Menschen erschaffen: den Homo Harmonicus.

"Die richtige Proportion wäre 90/10, also 90 Prozent in staatlicher Hand, zehn Prozent privatwirtschaftlich." Ismail Achmetow

„Ich mag den Kapitalismus nicht, ich mag den Imperialismus nicht, ich mag Eigeninteresse nicht. Der Kapitalismus frisst alles auf.
Zu Sowjetzeiten war ich sehr zufrieden, auch wenn es sehr viele Fehler gab. Was war gut an der Sowjetunion? Die Idee, wie die Welt aufgeteilt ist. Alles, was von der Natur gemacht wird, sollte öffentlich sein. Man kann kein Öl besitzen, das von der Natur produziert wurde. Das ist nicht gerecht, nicht korrekt, das ist ein schlechtes System.
Aber anders als in der Sowjetunion erdacht, sollte alles, was von Menschen gemacht ist, privat sein. Leider bestand nach der Revolution der erste Schritt, um den Sprung aus dem Kapitalismus zu schaffen, darin, alles öffentlich zu machen: Ehefrauen, Familien, alles wurde zum öffentlichen Gut.
Ich habe mich immer darüber gewundert, dass das in der Sowjetunion nicht verstanden wurde. Vor 30 Jahren hätten wir die Möglichkeit gehabt, einen Teil Privatwirtschaft zuzulassen, das wäre ein gutes System geworden. Die richtige Proportion wäre 90/10, also 90 Prozent in staatlicher Hand, zehn Prozent privatwirtschaftlich. Wissenschaft, Schulen, Rentensystem, das alles sollte staatlich organisiert sein.
In China haben sie das hinbekommen: Sie haben den zweiten Schritt des Kommunismus gemacht. Sie haben einen Teil der Macht an die Privatwirtschaft gegeben, aber den Großteil der Macht behält weiterhin die kommunistische Partei. Und man sieht, wie sehr sich China entwickelt. Es gibt Umweltprobleme, aber sie ändern sich sehr schnell. Die Chinesen können das hinbekommen, weil es einen starken Staat gibt.“

"Ich bringe meinen Kindern bei: Zwei Tage die Woche sind zum träumen da, aber fünf Tage zum arbeiten." Ismail Achmetow

„In den letzten 30 Jahren haben wir unser Potenzial verloren, Dinge zu realisieren.
Die Hälfte von den Leuten, mit denen ich studiert habe, sind heute im Silicon Valley.
Was ist passiert bei uns? Zuerst die Perestroika: 80 Prozent der am besten ausgebildeten Menschen haben das Land verlassen. Und das setzte sich fort über die letzten dreißig Jahre. Einige davon sind in Deutschland und in den USA. Aber wie soll man ohne Intellekt die Träume realisieren?
Deshalb will ich der jetzigen Generation neue Energie geben und versuchen, sie im Land zu halten. Im Leben sind wir nah am Paradies. Und wir sollten verstehen, dass das Paradies in uns ist.

Unser größtes Problem ist, dass unser Land voller Träumer ist. Aber 90 Prozent der Menschen können diese Träume nicht realisieren. Ich bringe meinen Kindern bei: Zwei Tage die Woche sind zum träumen da, aber fünf Tage zum arbeiten. Wenn du nur sieben Tage träumst, kannst du ein Jahr so verbringen, aber du wirst sie nie umsetzen.

Jeden Abend sterbe ich. Und wenn ich Glück habe, erstehe ich jeden Morgen wieder auf. Jeden Abend reinige ich mein Bewusstsein, bitte das Universum um Vergebung. Und jeden Morgen schreibe ich eine neue Geschichte.
Lange Zeit hatte ich eine Stiftung, mit der ich verschiedene kulturelle Projekte unterstützt habe. Aber ich habe das aufgegeben. Denn die Menschen in Russland denken bei jedem, der eine Stiftung hat, dass der wohl kriminell sein muss, weil er ja so viel Geld hat. Ich baue deshalb etwas eigenes auf.
Ich habe vor einigen Jahren eine Schule gegründet, weil ich verstanden habe, dass wir das schlechteste System in der Welt haben: Wir haben nicht nur Kapitalismus, wir haben Oligarchenkapitalismus. In diesem System ist es nicht möglich, den Kindern gute Bildung, ja überhaupt eine gute Art zu leben auf den Weg zu geben.
Deshalb baue ich meine eigene Welt. 2012 ist der Homo Sapiens gestorben, ich erschaffe den Homo Harmonicus. Wir geben den Kindern eine Art griechische Bildung. Sie machen viel Sport: chinesische Sportarten wie Wuschu und Tai-Chi, dazu Musik, Kunst, Sprachen – Englisch und Chinesisch. Unsere Kinder beginnen mit vier Jahren, mit sechs kommt dann griechische Mythologie, Geschichte, Lesen. So schaffen wir kleine Veränderungen.
Ich denke dabei nicht in Klassen und ähnlichem. Wir sind über solche Strukturen hinaus. Jeder kann übrigens eine solche Schule bilden: Man braucht nur Menschen, die ähnlich denken wie du. Wenn du einverstanden bist, dass wir alle gleich sind, wenn du Harmonie suchst, wenn du der Meinung bist, dass alle gleichermaßen wachsen können, dann bilde eine Gemeinschaft und gründe eine Schule. Acht Familien sind dafür schon genug.
Ich kenne sehr viele Menschen in der ganzen Welt, die sagen, dass es unmöglich ist, die Kinder in normale Schulen zu schicken. Egal ob in Deutschland, in den USA, überall wirst du doch in diese Matrix gesteckt: Hier sind die Klassen, hier musst du dich einordnen. Aber wir sind schon viel weiter.
Mein System ist von vielen inspiriert, Montessori, auch Rudolf Steiner war ein guter Mann. Aber wir bleiben nicht stehen. Wir nehmen verschiedenes Wissen auf und kreieren etwas Neues.
Für mich ist es nicht wichtig, ein Gebäude für die Ewigkeit zu bauen. Jedes Jahr brauchen die Kinder einen anderen Raum. Ich baue eine neue Zivilisation, also brauchen wir dafür auch neue Architektur. Jedes Jahr konstruieren wir hier in Tarusa neue Gebäude: Holzhäuser, Wigwams, Jurten. Gerade projektieren wir einen Unterrichtsraum für Pianisten.“

"Töte dein Ego nicht, aber gib ihm nicht die Macht." Ismail Achmetow

„Das Wichtigste ist Kommunikation. Jeden Tag haben wir neue Ideen. Wir fliegen überall in die Welt, nach Europa, nach China. Aber den Ort ändern wir nicht mehr. Tarusa ist die Hauptstadt der neuen Zivilisation, und das Haus der Literaten ist der Kreml.
Wie hat Ziolkowskij gesagt: Zwei Menschen werden siebenmal stärker, wenn sie kommunizieren und gute Ideen haben. Drei Menschen multiplizieren ihre Energie sieben mal sieben – 49 mal. Und so weiter. Ich unterhalte mich auch mit Ziolkowskij – er ist einer der wichtigsten Pioniere.
Alle Ideen kommen aus dem Universum. Eine neue Idee wird geboren – und geht durch das ganze Universum. Auch Fische und Steine können diese Ideen in Empfang nehmen.
Leo Tolstoj sagte: Du kannst deine Bücher nicht patentieren, mit welchem Recht denn? Es sind Gottes Rechte! Er hat das nie gemacht. Denn woher kommt die Idee? Aus dem Universum. Habt ihr schon mal von Wernadskijs Idee der Noosphäre gehört?

Ich bin gegen Ehrgeiz, also den Drang zum Erreichen rein persönlicher Ziele. Es geht nicht um mich – ich bin ebenso Teil der Welt wie alle. Ich mag diese Komplimente nicht: „Wie toll du bist.“ Nein, du bist ein kleines Teilchen dieser Welt. Seit ich das verstanden habe, ist mein Leben einfacher. Die Menschen verbringen zu viel Zeit damit, so zu tun, als wären sie etwas. Ich habe echte Freiheit erlangt. Töte dein Ego nicht, aber gib ihm nicht die Macht.“

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